Weitgehend unbeachtet von der deutschen Öffentlichkeit tragen die USA und Indien einen Handelskonflikt aus. Eine weitere Eskalation ist nicht ausgeschlossen.

Anfang Juni hat die amerikanische Regierung Indien aus der Liste der Entwicklungsländer gestrichen, die Industrie- und Textilprodukte zollfrei oder mit Niedrigzöllen in die USA einführen können. Bis dahin kamen indische Exporte im Wert von 6,3 Mrd. Dollar in den Genuss der Zollvergünstigungen. Der amerikanische Präsident Trump begründete die Maßnahme damit, dass Indien „keinen fairen Marktzugang“ bietet. Schon zuvor hatte Trump Indien wiederholt als „Königreich der Zölle“ bezeichnet.
Die indische Regierung reagierte mit Verärgerung auf die Entscheidung der Trump Administration und verhängte Gegenzölle auf 28, überwiegend landwirtschaftliche Produkte wie Mandeln und Äpfel. Für amerikanische Mandeln ist Indien der weltweit größte Abnehmer mit einem Importvolumen von 543 Millionen Dollar. Die indischen Gegensanktionen scheinen eher schwach, treffen aber mit den amerikanischen Farmern eine wichtige Anhängerschaft Trumps.

Indien hatte laut dem Global Trade Alert Report in den letzten zehn Jahren über 800 protektionistische Maßnahmen beschlossen. Das ist mehr als es beispielsweise China und Japan getan haben. Allerdings wird die Negativliste von den USA angeführt, die zwischen 2008 und 2018 von den G20 Staaten die meisten protektionistischen Maßnahmen eingeführt haben.

Deutschland und die EU könnten den Handelskonflikt für einen Ausbau ihrer wirtschaftlichen Kontakte mit Indien nutzen. Die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen Indien und der EU wurden bereits 2007 begonnen, doch sie sind seit 2012 unterbrochen. Zu groß waren die Meinungsverschiedenheiten über die genaue Ausgestaltung des Abkommens. So lehnte die indische Regierung verschiedene Forderungen der EU ab, beispielsweise die Zölle auf Autoimporte zu senken oder die öffentliche Auftragsvergabe zu liberalisieren. Aber auch die EU verweigerte sich einigen indischen Forderungen, zum Beispiel im Bereich der befristeten Arbeitsmigration oder der internetbasierten Dienstleistungen.

Trotz der aufgetretenen Schwierigkeiten erscheint eine Wiederaufnahme der Gespräche vor dem Hintergrund der zu großen wirtschaftlichen Abhängigkeit Deutschlands von den USA und China durchaus sinnvoll. Die Bundesregierung sollte sich hierfür innerhalb der EU stark machen!